AwareRT-CoV-2

Online- und Live-Ausstellung

Wie können Künstler:innen in der Corona-Zeit trotz der starken Einschränkungen entspannt im Austausch bleiben, ihrer Kreativität nachkommen und ihre Kunst präsentieren?

Verunsicherung

Können die Bilder auf dem Display mehr sein als der Anlass, sich an einstig ähnliche Erfahrungen zu erinnern, anstatt gemeinsam neue zu machen?

Wir sind ein bunter Haufen. Wir kennen uns nicht. Ich habe hohe Ansprüche an meine Kunst. Ich bin wegen der Erfahrung hier.

Auf dem Monitor sind malende Menschen. Sie sind wie Bilder. Ich bin mein Bild.

Sie malen mit ihren Mündern, sie malen im Liegen, kniend auch. Sie stecken ihre Nasen in etwas Duftendes. Lassen sich von den Gerüchen inspirieren, suchen nicht das perfekt Ergebnis, geben sich dem Spiel aus Wahrnehmung und Bewegung hin.

Stillstand

Wird die Vielfalt lebendiger Begegnung nun ersetzt durch jenen Egozentrismus, bei dem der Mensch auf dem Monitor nur noch als Anlass genutzt wird, eigene Erfahrungen wiederzukäuen?

Ich sehe…ich höre…ich rieche…ich schmecke…ich fühle…ich denke!

Will ich mich durch die plötzliche Bewegung, die zärtliche Umarmung, den wunderlichen Geschmack, den Schlag ins Gesicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen oder reicht mir die Wischbewegung meines Daumens auf dem Handy als Art menschlicher Berührung?

Ist es vielleicht doch praktischer, jede Begegnung mit einem Mausklick ausblenden zu können, den Geruch des anderen aus meiner Wohnung fernzuhalten?

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Ich lenke ab.

Die Nähe ist mir unangenehm.

Ich koste die Guacamole. Duft von Knoblauch steigt mir in die Nase. Der Mund ist erfüllt von den Aromen der Gewürze, die Zunge erforscht die Konsistenz der pürierten Avocado. Ich liege auf dem Rücken. Mit verbundenen Augen stecke ich Finger in Farben. Tupfe mit den Fingerspitzen auf die Leinwand, die über mir hängt. Trockenes wird nass. Die andere Hand im Töpfchen mit der leckeren Speise. Sie geht schon zum Mund, der den Korianderduft in die Nase verströmt. Immer tiefer tauchen meine Hände in die Farbeimer, rutschen über die glitschige Fläche. Fingernägel kratzen über die Fläche während ich kaue, schlucke, rieche. Geschmäcker, Duft und Empfindungen im Mundraum vermischen sich mit den haptischen Erfahrungen meiner Hände. Bewegungen und Wahrnehmungen verschmelzen zu wechselnden Einheiten leiblicher Berührung. Mein Leib ein Gewoge von Leibinseln. Einleibung und Ausleibung.

Irgendwo da draußen beobachten die Teilnehmer:innen des Seminars die Transformation. Wie vermag Kontakt über den Bildschirm zu berühren?

Kein Mensch ist eine Insel…

Bleibt bald nur die Sehnsucht nach vielfältiger Berührung als Ersatz für die junge Berührung. Macht das Suhlen in der eignen Sehnsucht vor der Webcam viel weniger verletzlich als die Berührung? Aber ist nicht grade die Möglichkeit, verletzt zu werden und zu verletzen, die Bedingung sensibler Begegnung und menschlicher Entwicklung?

Umdenken

Doch was ist mit Begegnung? Mit Intimität und Inspiration? Können die Bilder hinter den Displays mehr sein als nur ein Anlass, sich an einstig ähnliche Erfahrungen zu erinnern?

Virtuelle Vernetzung in Reihe schafft Perspektivwechsel und Inspiration. Nach langem Warten endlich eine Begegnung mit meinem Gegenüber – mit mir selbst.

Vorangehen

Kann denn mein Neid auf die Bewegung des digitalen Gegenübers mir Impulsgeber sein?

Ich will spüren. Sehne mich nach Normalität. Haut auf Haut. Der einst vertraute Handschlag ist nur noch eine Erinnerung. Die Umarmung eine Farce.

Welche Art der Bewegung kann mich aus dem Gleichgewicht bringen?